Rezension || Deutsches Haus – Annette Hess

»Deutsches Haus« ist so ein Buch, zu dem ich vermutlich nie gegriffen hätte, weil ich gar nicht gewusst hätte, dass es existiert, wenn es mir nicht empfohlen worden wäre. Neben dem Klappentext fand ich zudem ganz ansprechend, dass die Autorin ebenfalls die Drehbücher für die Serien »Ku’damm 56/59« und »Weißensee« geschrieben hat. Letzteres habe ich nicht gesehen, wurde mir aber von meinen Eltern ans Herz gelegt und »Ku’damm 56/59« fand ich großartig. Deshalb durfte »Deutsches Haus« dann kurz nach Weihnachten spontan bei mir einziehen und wie man sieht habe ich es innerhalb kürzester Zeit verschlungen.

1963: Die junge Übersetzerin Eva Bruhns weiß gar nicht wie ihr geschieht, als sie die Zeugenaussage eines Polen übersetzt. Erst später wird ihr klar, dass er ein ehemaliger Häftling aus dem KZ Auschwitz ist. Als Eva kurzerhand für den gesamten ersten Auschwitz Prozess als Übersetzerin engagiert wird ist sie nicht sicher, ob sie den Job annehmen soll – immerhin sind ihre Familie und ihr Verlobter Jürgen dagegen. Aber nichtsdestotrotz lässt die Geschichte des Häftlings Eva nicht los und so fängt sie an Fragen zu stellen und das Schweigen, das ihr vorgelebt wird, zu durchbrechen.

Bevor das Thema Aufarbeitung in der Oberstufe im Geschichtsunterricht behandelt wurde war mir irgendwie – so doof das klingt – nie so richtig klar, dass der zweite Weltkrieg nicht vorbei war, als er vorbei war. Also klar, der Krieg an sich schon, aber wie viel danach noch kam, das war Neuland für mich. Umso spannender fand ich es, dass »Deutsches Haus« diese Thematik aufgegriffen hat. Spielen tut die Geschichte 1963/64 in Frankfurt und sie dreht sich hauptsächlich um die Familie Bruhns, welche eine Gaststätte mit dem Namen »Deutsches Haus« leiten, woraus sich also der Titel ableitet.

Besonders interessant fand ich in der Hinsicht insbesondere zu Beginn wie unterschiedlich die verschiedenen Erzähler – man liest nämlich aus mehreren Sichten – auf den bevorstehenden ersten Auschwitz-Prozess reagieren. Während die ältere Generation nichts davon wissen möchte und sich in Schweigen hüllt, so fängt Eva, welche sich nicht mehr an die NS-Zeit erinnern kann, weil sie zu jung war, langsam an Fragen zu stellen und versucht das was sie bei den Übersetzungen der Zeugenaussagen erfährt mit dem in Einklang zu bringen, was sie bis dahin zu glauben wusste. Neben Eva liest man aus Sicht von (beinahe) allen Mitgliedern der Familie Bruhns, von Evas Verlobtem Jürgen, so wie aus Sicht des Referendars und Kanadiers David Miller, der für den Staatsanwalt arbeitet. Durch die unterschiedlichen Blickwinkel nimmt man einige Dinge unterschiedlich auf und kann die einzelnen Charaktere und ihre Entscheidungen so zum Teil besser nachvollziehen, was mir sehr gut gefiel. Ich hatte das Gefühl die Autorin hat es geschafft eine Bandbreite an Konflikten, welche die verschiedene Generationen, Nationalitäten und Religionsangehörige mit dem Auschwitz-Prozess hatten, nachvollziehbar darzustellen, sodass man nicht einer einzigen beschränkten Meinung folgt, sondern mehrere sieht und sich so selbst ein wenig ein Bild machen kann.

Nicht nur das Thema, sondern auch wie das Buch geschrieben ist, haben dazu beigetragen, dass ich es kaum aus der Hand legen mochte und immer wieder dachte: »Nur noch ein Abschnitt… okay, einer noch. Die paar Zeilen kann ich jetzt auch noch lesen.« Und so weiter. Das Buch ist nämlich nicht in Kapitel unterteilt, sondern in vier Teile und innerhalb dieser in mehr oder weniger kurze Abschnitte, die sich manchmal über mehrere Seiten, manchmal aber auch nur über ein paar Zeilen erstreckten. Ich mochte diese Erzählweise sehr gerne, da ich dadurch zum einen das Gefühl hatte zügig voran zu kommen, zum anderen hat es wie gesagt eine gewisse Suchtwirkung auf mich gehabt, weil man so den Faden nie verliert, sondern immer weiter lesen möchte.

Neben dem Auschwitz Prozess an sich – den ich im übrigen auch juristisch ganz interessant finde, da muss ich unbedingt noch mehr zu lesen -, fand ich es unfassbar, denn auch das war mir gar nicht so klar gewesen, obwohl es eigentlich logisch ist, wie negativ einige Deutsche auf Juden zu sprechen waren, auch zwanzig Jahre nach dem zweiten Weltkrieg. Mir war nicht bewusst wie sehr die Vorurteile in den Köpfen der Menschen feststecken und das war irgendwie beängstigend zu lesen. Daneben fand ich es wiederum ebenso spannend darüber zu lesen, wie Juden andererseits auf Deutsche reagiert haben, noch etwas, worüber ich mir nie Gedanken gemacht habe.

Ein weiteres Thema, das immer dafür sorgt, dass ich unfassbar froh bin heute zu leben, war die Rolle der Frau in den 60ern. Eva ist eine recht moderne Frau, sie arbeitet als Übersetzerin und so gerne sie Jürgen auch heiraten möchte und sich ihm teilweise unterordnet, so stark ist sie gleichzeitig auch. Eva hatte durchaus ihre Momente, in denen ich sie sehr bewundert habe, in denen sie gegen den Willen ihrer Familie und ihres Verlobten handelt und das tut, was sie für richtig hält. Ich finde es immer wieder unfassbar wie abhängig Frauen von ihrem Mann waren, wie sehr der Mann alles kontrollieren durfte, insbesondere da diese Zeit noch gar nicht allzu lange her ist. Also ja, ich war beim Lesen immer wieder unglaublich froh heutzutage zu leben.

»Deutsches Haus« konnte mich in vielerlei Hinsicht überzeugen; es hat mich mitgerissen, ich wollte es nicht aus der Hand legen und einige Szenen gingen durchaus unter die Haut. Auf eine gewisse Art war »Deutsches Haus« für mich sehr lehrreich, hat ein wenig sensibilisiert und die Augen geöffnet. Wer sich in irgendeiner Form für das Thema interessiert, dem kann ich dieses Buch nur ans Herz legen.


Autor/in: Annette Hess
Seiten: 368
Verlag: Ullstein
Sprache: Deutsch
Reihe: /
Wertung: 4 Sterne

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