Rezension || I Saw A Man – Owen Sheers*

Dieses Buch lag einfach viel zu lange bei mir herum. Ich weiß nicht mehr genau wie lange, aber Tatsache ist, dass ich es schon viel früher hätte lesen sollen – »I Saw A Man« war nämlich ein richtiges gutes Buch! Nicht ganz das, was ich erwartet habe – irgendwie dachte ich das Buch würde mehr Richtung Thriller gehen, keine Ahnung weshalb, aber damit lag ich ja mal ordentlich daneben – und trotzdem war es irgendwie genau das, was ich von dem Buch wollte. Auf gewisse Art fand ich es ziemlich genial.

Da es glaube ich das beste ist, wenn man gar nicht so viel über dieses Buch weiß, bevor man es liest – immerhin ist es auch recht kurz – möchte ich mich mit der Beschreibung mal kurz fassen. Letztendlich geht es um Michael Turner, der den Tod seiner Frau Caroline noch nicht verarbeitet hat und sich in seiner neuen Wohnung ziemlich schnell mit den Nachbarn anfreundet. Diese innige Freundschaft wird allerdings eines schönen Sommertages auf die Probe gestellt, als Michael entdeckt, dass die Tür der Nelsons offen steht. Als er nach schaut, ob dort alles beim Rechten ist, setzt er damit Ereignisse in Gang, die ihr aller Leben schlagartig verändern.

Wie gesagt war »I Saw A Man« nicht ganz das, was ich erwartet hatte.
Habe ich ein spannendes Buch erwartet? Ja. Habe ich das bekommen? Ebenfalls ja.
Nur war die Spannung irgendwie ganz anders, als das, womit ich gerechnet habe. Wie gesagt dachte ich das Buch geht eher Richtung Thriller – ich glaube das liegt an dem Cover, das geht finde ich total in diese Richtung – und wer ein auf die typische Art actionreiches Buch erwartet, der wird hier enttäuscht sein.
Wer wiederum auf der Suche nach einem Buch, das vor allem unterschwellig spannend ist und den Leser vor allem durch den einnehmenden Schreibstil in den Bann zieht, der liegt mit »I Saw A Man« genau richtig.

Ich war selten von einem Buch derart schnell angefixt. Quasi von Seite eins steckt man direkt in der Geschichte drin und fragt sich, was eigentlich los ist. Der Schreibstil ist wie gesagt sehr einnehmend und sehr atmosphärisch. In gewisser Weise ist das Buch sehr simpel geschrieben, aber irgendwas hatte es eben auch an sich, dass mich immer unbedingt hat weiter lesen wollen.
Vom Erzählstil hat mich das Buch fast ein wenig an »Was ich euch nicht erzählte« von Celeste Ng erinnert, das ich letztes Jahr gelesen habe und unglaublich toll fand.

Seine Socken hinterließen auf den Terrakotta-Fliesen feuchte Abdrücke, die hinter ihm wieder verdunsteten, als wollte ein Wind seine Spuren verwischen.

I Saw A Man, Owen Sheers, S. 13.

Der Autor springt gerade zu Beginn sehr viel zwischen den Zeiten, später dann eher zwischen verschiedenen Perspektiven. Zwar sind diese Zeitsprünge wichtig und ich fand die Rückblenden auch wirklich interessant zu lesen, aber die Übergänge zwischen Vergangenheit und Gegenwart waren manchmal schwer zu greifen. Ich habe manchmal etwas gebraucht, bis ich bei einem neuen Abschnitt verstanden habe, wer eigentlich gerade wann erzählt. Das ist allerdings nur ein kleiner Kritikpunkt, denn wie gesagt, insgesamt haben mir diese Rückblenden und die wechselnden Erzähler sehr gut gefallen. Zumal die Ereignisse aus der Vergangenheit so nahtlos mit dem was in der Gegenwart passiert verknüpft sind, das diese Art Michaels Geschichte zu erzählen mir einfach wahnsinnig gut gefallen hat. Ich war beeindruckt wie gut der Autor alle Szenen miteinander verbunden hat und wie das, was in der einen Szene passiert, erklärt, weshalb in der Gegenwart jetzt das und das geschieht. Dieses hin und her aus Vergangenheit und Gegenwart fühlte sich fast schon ein bisschen Schmetterling-Effekt mäßig an, so wie die Vergangenheit, beziehungsweise das, was passiert ist, sich in der Gegenwart widerspiegelt und zu neuen Ereignissen/Problemen führt.

So gerne ich den Schreibstil und die Erzählweise aber auch mochte, manchmal wurde mir dann tatsächlich doch fast ein wenig viel herum philosophiert. Teilweise erstrecken sich über Seiten irgendwelche Gedankengänge, die mit dem Geschehen so wenig zu tun haben. Zwar fand ich diese Gedankengänge meist sehr spannend und irgendwie auch aufschlussreich, aber sie haben mich auch immer wieder etwas aus dem Lesefluss herausgeworfen.


So spannend ich »I Saw A Man« letztendlich insgesamt fand, für mich hat sich das Buch ziemlich in zwei Teile gespalten. Während der ersten Hälfte des Buches weiß man noch nicht was passiert und fragt sich die ganze Zeit, was der Klappentext denn nun damit meint, dass Michael Ereignisse in Gang setzt, die sein Leben und das der Nelson derart verändern. Kurz bevor das passiert, was im Klappentext eben angedeutet wird, war ich kurz davor die Geduld zu verlieren, weil ich einfach endlich wissen wollte, worum es in diesem Buch eigentlich geht. Und zugegeben, ich habe das was passiert so nicht kommen sehen. Es hat mich nicht so erschüttert oder schockiert wie ich erwartet habe und doch war es so einschneidend für die Geschichte, dass sich die zweite Hälfte des Buches ganz anders angefühlt hat als die erste. Für mich fiel die Spannung in der zweiten Hälfte etwas ab, was schade war, gerade gegen Ende habe ich die ganze Zeit darauf gewartet, dass die Situation eskaliert. Und gewartet. Und gewartet. Wieder einmal war das Buch in der Hinsicht nicht das, womit ich gerechnet habe, aber je länger ich über das Ende nachdenke – insbesondere die letzten Seiten – desto stimmiger finde ich es.


Autor/in: Owen Sheers
Seiten: 297
Verlag: Penguin
Sprache: Deutsch || Übersetzter: Thomas Mohr
Originaltitel: I Saw A Man
Reihe: –
Wertung: 4 Sterne

*Vielen Dank an den Penguin Verlag und das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar!

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