Rezension || Die Verlobten des Winters – Christelle Dabos

Monatelang bin ich um dieses Buch mit diesem wunderschönen Cover in der Buchhandlung herumgeschlichen. Immer wieder hatte ich es in der Hand und ein paar Mal auch schon beinahe mitgenommen, aber letztendlich hat mich der Preis dann doch immer abgeschreckt. Ich kaufe mir mittlerweile nur noch sehr selten Hardcover, einfach weil ich für den Preis meist auch zwei Bücher bekommen würde – oder sogar noch mehr englische eBooks – und das ziehe ich dann häufig vor. Als ich dann allerdings einen Gutschein zum Geburtstag bekommen habe und noch einmal stöbern gegangen bin, stand dann doch ganz schnell fest, dass dieses Buch endlich mit muss. Wenn nicht jetzt, wann dann?

So unscheinbar Ophelia auch aussieht, sie hat eine besondere Gabe: Sie kann durch Spiegel gehen und Gegenstände lesen, wenn sie diese berührt. Eigentlich ist sie mit ihrem Leben auf der Arche Anima, wo alles sehr familiär zugeht, sehr zufrieden. Sie leitet ein Museum und weigert sich konsequent sich verheiraten zu lassen – zumindest bis zwischen ihr und dem griesgrämigen Thorn vom Pol eine Ehe arrangiert wird und Ophelia nicht ablehnen kann, ohne den Namen ihrer Familie Schande zu machen. So reist sie zusammen mit ihrer Patentante Roseline und Thorn auf den Pol, wo Ophelia schnell lernen muss, dass dort mit ganz anderen Mitteln gekämpft wird als auf Anima. Ehe sie sich versieht befindet sie sich mitten in den Intrigen des Mondscheinpalastes wieder und muss um ihr Leben bangen. 

Ich fand schon das Cover vom ersten Augenblick an märchenhaft und in gewisser Weise spiegelt das meine Erfahrung mit dem Buch gut wieder: Ich war nämlich von der ersten Seite an absolut verzaubert. 
Christelle Dabos hat in »Die Verlobten des Winters« eine Welt geschaffen, die auf ihre Art und Weise sehr charmant ist, etwas schrullig und eigen und irgendwie zum Träumen einlädt. Zumindest am Anfang, später wird die Geschichte dann etwas düsterer, wie ich finde, aber der Anfang verströmt eine so schöne Stimmung, dass die ersten hundert Seiten nur so dahinflogen. Die Arche Anima war so ein märchenhafter Ort und irgendwie einfach so charmant, dass ich fast traurig war, dass man nicht mehr davon gesehen hat. Stattdessen wechselt das Setting wie zu erwarten gewesen war an den Pol, der für mich persönlich ein Albtraum wäre, denn wie der Name vermuten lässt ist es dort wahnsinnig kalt. Ich fand allerdings spannend wie extremst unterschiedlich es auf Anima und dem Pol zugeht und habe Ophelia begeistert dabei begleitet, wie sie sich in dieser neuen Welt zurechtfindet. 


Mit Opelia haben wir in vielerlei Hinsicht eine typische Protagonistin für ein Jugendbuch, aber ihre Figur hat mir dennoch unfassbar gut gefallen. Ophelia ist klein und unscheinbar, sie spricht so leise, dass sie alles mehrmals sagen muss, ist sehr tollpatschig und durch ihre Gaben ein bisschen etwas Besonderes, obwohl auf Anima alle verschiedene Gaben haben. Ophelias sind nur seltener. Mit dabei hat Ophelia außerdem immer ihren Schal, der ein Eigenleben führt, was ich sehr spannend fand und auch ihre Brille ist nicht „normal“, denn die Gläser ändern je nach Ophelias Stimmung die Farbe. All das sind Dinge, die dafür gesorgt haben, dass ich Ophelia sehr genau vor Augen hatte beim Lesen, was ich sehr schön fand. 

Hält Ophelia sich anfangs noch sehr im Hintergrund und ist eher ein stummer Beobachter, der oft übergangen wird, wenn sie denn mal ihre Meinung äußert – das war ehrlich gesagt etwas, das mich zunächst sehr gestört hat, dass immer so über hinweg entschieden wird und Ophelia das mit sich machen lässt, auch wenn sie keinesfalls eine passive Figur ist, im Gegenteil -, so hat sie sich im Laufe des Buches zu einer starken jungen Frau entwickelt, die sich nicht herumschubsen lässt. Ich fand die Charakterentwicklung von Ophelia wenn man Anfang und Ende von »Die Verlobten des Winters« vergleicht wirklich großartig und das war letztendlich eines der Dinge, die ich am meisten mochte. Ophelia ist sich treu geblieben, hat im Laufe dieses ersten Bandes aber auch viel über sich gelernt und ich bin schon sehr gespannt darauf sie im nächsten Teil »Die Verschwundenen des Mondscheinpalastes« wiederzusehen. 

Neben Ophelia gibt es noch einen Haufen anderer Figuren, die ebenfalls extremst gut charakterisiert worden sind. Selten hatte ich sie genaue Bilder beim Lesen im Kopf, wie bei diesem Buch, auch wenn ich mir seltsamerweise alles in einem Zeichentrickstil vorstelle, was mir auch noch nie passiert ist, aber das ist eine andere Geschichte. 

Ich fand etwas schade, dass man von Ophelias Verlobtem Thorn wenig mitbekommt und stattdessen sehr viel von seiner Tante Berenilde – bei der ich immer noch nicht sicher bin, was ich von ihr halten soll. Das ist allerdings etwas, das ich über viele der Figuren vom Pol sagen kann, was letztendlich aber auch etwas war, das ich an dem Buch am meisten geschätzt habe: Man durfte niemandem trauen. Ich liebe Bücher, bei denen eine Figur auf sich alleine gestellt ist oder nur einen sehr beschränkten Kreis von Vertrauten hat. Ophelia befindet sich als Thorns Verlobte in einer prekären Situation, was ich sehr spannend fand. Die Intrigen und Machenschaften im Mondscheinpalast sind nicht ohne und obwohl ich anfangs das Gefühl hatte »Die Verlobten des Winters« wäre eher an ein jüngeres Publikum gerichtet – zumindest fühlte es sich für mich zunächst sehr jung an – so wurde mir doch nach und nach klar, dass die Geschichte insgesamt doch recht düster ist, auch wenn es häufig nicht so dargestellt wird. Das kann man auffassen wie man möchte. Ich hatte nicht groß das Gefühl, dass Ophelias Situation verherrlicht wurde, aber gleichzeitig ist es einfach unmöglich wie sie teilweise behandelt wird. Dabei hat das Buch jedoch einen so lockeren Erzählton, dass einem das meiste gar nicht so schlimm vorkommt und auch von Ophelia wird vieles einfach überspielt und schnell abgehakt. Finde ich das bedenklich? Ich weiß nicht. Es hat mich teilweise mit keinem allzu guten Gefühl zurückgelassen, vielleicht aber auch nur, weil Ophelia mir stellenweise wirklich leid tat. Ich hoffe einfach sehr, dass Ophelia im nächsten Band noch etwas mehr zurückschlägt und zeigt, was sie drauf hat, denn eigentlich ist sie eine sehr starke, neugierige Figur.


Was die Handlung angeht, so war ich auch hier zu Beginn noch sehr angetan, hatte dann aber einen kleinen Durchhänger in der Mitte, der allerdings nicht lange anhielt, es ging dann doch schnell wieder bergauf und wurde spannender. Wie gesagt mag ich es einfach sehr, wenn eine Figur in einem Umfeld navigieren muss, in dem sie von jeder Seite Gefahren ausgesetzt ist und keinem vertrauen darf und genau so ergeht es Ophelia am Pol. Die Machenschaften am Mondscheinpalast (und ihre Folgen) haben es wie gesagt in sich und erst gegen Ende des Buches deutet sich etwas an, worum es eigentlich wirklich geht. Lustigerweise habe ich mich erst kurz vor Schluss der Geschichte gefragt, worauf das alles wohl hinauslaufen wird und wenn ich ehrlich bin, dann war das Ende nicht sonderlich zufriedenstellend. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr fühlt »Die Verlobten des Winters« sich nur wie ein kleines Puzzlestück eines großen Ganzen an – und ich will unbedingt mehr. Jetzt, wo ich langsam eine Ahnung haben worum Ophelias Geschichte sich drehen wird – beziehungsweise: ich glaube zu wissen worum es in dieser Reihe gehen wird, die sich ja über vier Bände erstreckt, da kann ja noch viel kommen und mich überraschen – möchte ich unbedingt wissen wie es weitergeht. Die Spiele wurden quasi eröffnet und geben ein Vorgeschmack dessen, was einen in den Folgebänden erwarten könnte und ich kann es ehrlich gesagt gar nicht erwarten zurück in diese magische, seltsame Welt abzutauchen. 

Christelle Dabos hat eine Welt geschaffen, die so charmant und skurril ist, dass man sie einfach lieben muss und auch die Figuren haben es mir angetan. Es klingt abgedroschen, wenn ich sage, dass »Die Verlobten des Winters« sich anders anfühlt, irgendwie besonders, aber so ist es. Obwohl Dabos sich gewisser altbewährter Elemente bedient, um Ophelias Geschichte zu erzählen, hat sie einfach ein Händchen für’s Geschichten erzählen. Ich schwärme selten über einen Schreibstil, aber die Sprache in »Die Verlobten des Winters« passt einfach so gut zu dieser ganzen Welt und versprüht nochmal ganz eigenen Charme. 
Wir halten also fest: Ich bin insgesamt ziemlich begeistert. Hatte ich hier und da Momente, wo die Geschichte mich nicht so mitgerissen hat oder wo ich Figuren seltsam fand? Ja. Das Buch war für mich nicht perfekt, aber es macht Lust auf mehr und stellt für mich deshalb einen gelungen Auftakt dar.  


Autor/in: Christelle Dabos
Seiten: 537
Verlag: Insel Verlag
Sprache: Deutsch || Übersetzung: Amelie Thoma
Originaltitel: Les fiancés de l’hiver
Reihe: 1/4
Wertung: 4 Sterne

2 thoughts on “Rezension || Die Verlobten des Winters – Christelle Dabos

  1. Ich bin Fan der Reihe und lese aktuell den dritten Band und liebe es mit jeder Seite ein wenig mehr, Diese schrullig, magische Welt voller eindrucksvollen Ideen und skurrilen Charakteren, hat sich in mein Herz geschummelt.
    Liebe Grüße, Stella ♥

    1. Ich lese aktuell immer noch am zweiten Band, liebe die Reihe aber auch gefühlt mit jeder Seite mehr und kann es gar nicht erwarten dann bald auch den dritten Teil zu lesen. Die Welt ist einfach wirklich fantastisch <3

      Alles Liebe,
      Katharina

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