Rezension || Der Welten-Express – Anca Sturm

Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht so genau, weshalb ich zu Der Welten-Express gegriffen habe. Es könnte an dem schönen Cover gelegen haben, dem interessanten Titel, vielleicht aber auch an der tollen Beschreibung. Ich meine, wie cool ist ein magisches Zug-Internat denn bitte? Obwohl ich ein bisschen Sorge hatte, dass ich zu alt fĂŒr das Buch bin und mir das die Freude an der Geschichte nehmen könnte, habe ich dem Welten-Express letztendlich doch nicht widerstehen können, er hat mich einfach zu sehr gelockt.

 

Danke an Netgalley und den Carlsen Verlag fĂŒr die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars! 

 

Flinn Nachtigall staunt nicht schlecht, als sie eines Nachts einen mysteriösen Zug in den Bahnhof einfahren sieht. Einen Zug, den nur sie sehen kann und der zweifellos derselbe ist, wie der auf der Postkarte, die ihr Bruder ihr geschickt hat. Kurzentschlossen springt Flinn als blinde Passagierin auf den Zug auf und findet sich im Weltenexpress wieder, einem fahrenden Internat fĂŒr außergewöhnliche Jugendliche. Der Weltenexpress ist ein Ort voller Magie und KuriositĂ€ten, die Flinn staunen lassen, aber dabei darf sie ihr Ziel nicht aus den Augen verlieren, den Grund, weshalb sie ĂŒberhaupt auf den Zug aufgesprungen ist: Sie möchte ihren verschwundenen Bruder Jonte wiederfinden.

 

Zu einer Zeit, als die MĂ€rchen zu Metall wurden und Fabriken sich ĂŒbers Land erhoben, lebte ein kleiner, aber außergewöhnlicher Junge in sehr, sehr armen VerhĂ€ltnissen. Zu seinem GlĂŒck besaß er drei Dinge: Tapferkeit, Tatendrang und Talent.

 

Mit diesen Worten beginnt der Prolog von Der Welten-Express und allein damit hat die Autorin mich schon vollkommen verzaubert und in ihren Bann gezogen. Ich fand den Einstieg sehr gelungen, der Prolog erklĂ€rt einem kurz die Entstehung des Welten-Express‘ und ich fand man fĂŒhlte die Magie des Buches von der ersten Seite an.

 

Anschließend lernen wir Flinn kennen und die Geschichte geht richtig los. Die ersten Kapitel haben sich so weggelesen; Flinn war mir unglaublich sympathisch, wie man glaube ich schon merken konnte mag ich den Schreibstil der Autorin sehr gerne und am Anfang geht es ziemlich zĂŒgig zur Sache.

Flinn hat nicht viel zu verlieren, als sie mitten in der Nacht auf den Welten-Express aufspringt. Ohne ihren Halbbruder Jonte ist das Leben zuhause öde, in der Schule hat sie kaum Freunde, weil sie „nicht genug MĂ€dchen“ ist und ihre Mutter ist mit ihren restlichen Geschwistern beschĂ€ftigt genug. Als sich die Chance bietet Jonte wiederzufinden zögert Flinn also nicht lange.

Auf dem Welten-Express bleibt sie nicht lange unentdeckt: Zuerst lĂ€uft sie dem Kohlejungen Fedor in die Arme, der anschließend Madame Florett holt, die vollkommen entsetzt ist, dass Flinn kein Ticket hat – tatsĂ€chlich ist sie nĂ€mlich die erste blinde Passagierin des Welten-Express, der normalerweise vor den meisten Augen verborgen bleibt. Da Flinn natĂŒrlich nicht einfach irgendwo abgesetzt werden kann, wo der Zug einmal in Bewegung ist, erlaubt Schulleiter Daniel, dass sie zwei Wochen mit dem Welten-Express mitreisen darf, bevor sie zurĂŒck in ihr Heimat-Kaff Weidenborstel muss. Da sie weder SchĂŒler noch Angestellter im Zug ist, fĂŒhlt Flinn sich teilweise nicht wirklich zugehörig, allerdings Ă€ndert sich das schnell, sobald sie Pegs und Kasim kennenlernt, die gar nicht so versnobt sind wie die restlichen SchĂŒler.

Man sieht es ja schon an den Namen, die ich gerade genannt habe: Die Figuren kommen aus aller Welt. Logisch bei einem Welten-Express, aber ich war dennoch positiv ĂŒberrascht von der DiversitĂ€t der Charaktere.

 

Wie gesagt war mir Flinn durchaus sympathisch, das einzige, was mich manchmal an ihr gestört hat, war, wie sehr sie darauf fixiert war zu betonen, dass sie ein MĂ€dchen ist, denn offenbar wird sie teilweise nicht so wahrgenommen. Was wiederum suggeriert, dass Flinn kein „typisches MĂ€dchen“ ist, beziehungsweise nicht in das gesellschaftlich verankerte Rollenbild MĂ€dchen passt. Dass Flinn ein klasse Charakter ist wird einem beim Lesen schnell klar, deshalb hat es mich schließlich etwas genervt, wenn mal wieder aufgegabelt wurde, dass Flinn anders als andere MĂ€dchen ist – als wĂ€re eines von beidem weniger erstrebenswert. Das ist letztendlich nur eine Kleinigkeit, denn insgesamt mochte ich Flinn sehr gerne, aber gerade durch das stĂ€ndige Wiederholen ist es negativ hĂ€ngen geblieben.

Aber nicht nur Flinn mochte ich richtig gerne, auch die meisten anderen Nebencharaktere waren liebevoll gestaltet. Einigen fehlte es an Tiefgang, was schlichtweg der FĂŒlle der Nebencharaktere geschuldet ist und was ich gar nicht mal groß ankreiden möchte, denn immerhin ist es ein Kinderbuch. Besonders viele der Lehrer und das Bordpersonal sind sehr akkurat portrĂ€tiert, sie haben ein oder zwei ulkige CharakterzĂŒge oder interessante Namen –  Madame Florett zum Beispiel verdreht immer wieder Wörter und kann sich Flinns Namen, nachdem sie ihn einmal falsch verstanden hat, einfach nicht richtig merken -, aber mehr erfĂ€hrt man nicht, geschweige denn, dass sie hĂ€ufig im Buch auftauchen oder relevant fĂŒr die Handlung sind, mit ein paar Ausnahmen.

Außerdem fand ich es etwas schade, dass von Anfang an klar ist, worauf die Geschichte hinaus lĂ€uft und wer der Bösewicht ist. Die Autorin kommt mit wenig Überraschungen um die Ecke, vielmehr wurden die meisten meiner Vermutungen bestĂ€tigt. Und ja, Der Welten-Express ist eher fĂŒr jĂŒngeres Publikum gedacht, aber wenn der Antagonist von der Hauptperson von Anfang an nicht gemocht wird, dann ĂŒberrascht es einen am Ende wenig, wenn besagte nicht gemochte Person der Bösewicht der Geschichte ist. In der Hinsicht wĂ€re definitiv noch mehr drin gewesen und ich wĂŒrde mich gerne von dem zweiten Band etwas mehr ĂŒberraschen lassen.

 

Ein großer Grund, weshalb ich Der Welten-ExpressÂ ĂŒberhaupt lesen wollte, war, dass es von einigen mit Harry Potter verglichen wurde und ja, die Parallele liegt tatsĂ€chlich nahe. Zwar geht es im Welten-Express eher unterschwellig magisch zu, es gibt etwas, das sich Magietechnologie nennt und ansonsten jedenfalls nichtmagische UnterrichtsfĂ€cher, aber nichtsdestotrotz hat es sich manchmal angefĂŒhlt, als hĂ€tte man Hogwarts in einen Zug verlagert und wĂŒrde das Schulleben dort abhalten. Und das meine ich keinesfalls negativ, mir hat diese Magie, die zwischen den Seiten steckt und einen manchmal regelrecht anspringt, richtig gut gefallen.

 

Oben habe ich ja geschrieben, dass die Geschichte nach dem Prolog zĂŒgig an Fahrt aufnimmt, allerdings wird die Handlung anschließend leider erstmal etwas seichter. Wer ein abenteuerliches, action-reiches Buch sucht, der sollte lieber nicht zu Der Welten-Express greifen. Zwar bietet der AufhĂ€nger der Geschichte – Flinns verschwundener Bruder – eine gewisse Grundspannung, allerdings dauert es sehr lange, bis Flinns Suche wirklich in die GĂ€nge kommt. Der Mittelteil hat sich etwas hingezogen, der Welten-Express wurde erkundet, was auf eine andere Art aufregend war, aber man ist was die Handlung anging nicht voran gekommen. Erst sehr gegen Ende verdichten sich die Hinweise, Vermutungen werden bestĂ€tigt und der große Showdown findet statt. Wobei ich sagen muss, dass mich weniger der Showdown an sich, als das was danach kam noch einmal mitgerissen hat, denn plötzlich kam eine kleine Wendung, die ich doch tatsĂ€chlich nicht hatte kommen sehen, die aber viel erklĂ€rt und die Geschichte fĂŒr mich wunderbar abgerundet hat.

 

 

Der Welten-Express ist ein interessanter Auftakt, der Lust auf mehr Zeit in diesem magischen Zug macht. Vor allem ĂŒberzeugen die sympathischen und charakteristischen Figuren, noch viel mehr aber einfach die ganze AtmosphĂ€re der Geschichte. Der Welten-Express ist ein magischer Ort, der einige Sonderseiten bereit hĂ€lt und den es Spaß macht zu erkunden. Der Spannungsbogen im Mittelteil ist zwar fast schon katastrophal nĂ€mlich quasi nicht vorhanden, aber nichtsdestotrotz kommt kaum Langeweile auf, dafĂŒr fasziniert der Welten-Express an sich viel zu sehr.

 


Autor/in: Anca Sturm

Seiten: 384

Verlag: Carlsen

Sprache: Deutsch 

Reihe: 1/2

Wertung: 4 Sterne

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